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„Ich war allein auf weiter Flur, aber das hat mich nie gestört“

| Interviewserie Frauen in der Geothermie

Für unsere Serie „Frauen in der Geothermie" sprechen wir heute mit Prof. Dr. Ingrid Stober, einer echten Koryphäe in der deutschen Forschungslandschaft.

Foto: Andreas Weck/ Gestaltung: Susann Piesnack

Welche Erfahrungen in der Kindheit und Jugend haben Sie für Ihren weiteren Berufsweg geprägt?

„Ich bin Karlsruhe aufgewachsen, mit drei jüngeren Geschwistern, einem Bruder und zwei Schwestern. In den fünfziger und sechziger Jahren waren viele Frauen nicht berufstätig – so auch meine Mutter, die Jura studiert, das Studium aber dann aufgegeben hatte, als sie meinen Vater kennenlernte. Später fand sie allerdings auf dem Dekanat der Universität Karlsruhe eine Stelle, als wir Kinder schon größer waren. Das nahm mein Vater hin, begeistert war er aber nicht – bis Ende der siebziger Jahre konnten Frauen nur mit Erlaubnis ihrer Ehepartner einer Erwerbsarbeit nachgehen.

Ich besuchte das älteste deutsche Mädchengymnasium, das Lessing-Gymnasium Karlsruhe. Naturwissenschaften lagen mir schon damals. Bei meinen Großeltern gab es einen großen Garten und in meiner Kindheit spielte auch mein Großvater eine zentrale Rolle. Bei ihm gab es immer etwas zu tun – ob bei den Obstbäumen, bei den Gemüsebeeten oder der Weinernte. Wir haben zusammen Fahrräder repariert und kaputte Fensterscheiben ersetzt. Das hat mich geprägt, diese Mischung aus Natur und Anpacken.

Meine Mutter wiederum hat mir stricken und häkeln beigebracht und mit mir Mühle gespielt. Die Welt war damals eine andere – ohne Fernseher, Internet und die vielen Ablenkungen, die man heute kennt. Meine Mutter war streng und hat Wert daraufgelegt, dass wir eine gute Schulbildung haben – unabhängig vom Geschlecht.“

Gab es frühe (weibliche) Vorbilder?

„Eher nicht. Ich hatte aber viele Lehrerinnen an meiner Schule.“

Warum haben Sie sich für ein Studium Geowissenschaften entschieden?

„Ich war immer mühelos gut in den Naturwissenschaften und in Mathe ebenso. Die alten Römer haben mich ebenfalls fasziniert. Also habe ich mich zunächst für Mathematik und Altphilosophie eingeschrieben, dann aber gemerkt, dass mir der praktische Bezug fehlt und in die Geologie gewechselt. Ich habe in Freiburg studiert – es zog mich weg aus Karlsruhe.“

Wie haben Sie das Studium in Bezug auf Gleichberechtigung erlebt?

„Ich habe mich nie diskriminiert gefühlt, auch wenn es außer mir nur zwei weitere Frauen in dem Studiengang gab.“

Wie verlief Ihr Studium und welche Schwerpunkte zeichneten sich ab?

„Ich habe meine Diplomarbeit im Fachbereich Hydrogeologie geschrieben und mich der quantitativen Auswertung von Markierungsversuchen im Grundwasser gewidmet. Für das Studium habe ich ein Praktikum im Schluchseewerk im Schwarzwald gemacht. Für mich war das sehr umständlich, ich musste um 5 Uhr morgens los, um dort um 7 Uhr anzutreten. Damals gab es am Einlass eine Gesichtskontrolle, denn es war die Zeit des Deutschen Herbstes und die Angst vor terroristischen Anschlägen auf kritische Infrastruktur war sehr gegenwärtig.“

Wie kamen Sie zum geologischen Landesamt?

„Ich habe aufgrund des weiten Weges einen zweiten Praktikumsplatz gesucht und dort bei Dr. Käß im Hydrochemielabor einen solchen gefunden, was wirklich ein Glücksfall war, denn das Labor war sehr gut ausgestattet und mich hat das Thema sehr interessiert. Ich machte Markierungsversuche im Gelände und analysierte die Ergebnisse im Labor. Für die Markierungsversuche musste ich auch nachts Proben nehmen und zeltete daher im Gelände, das war schon abenteuerlich. Diese Tracer-Durchgangskurven haben mich sehr interessiert und ich wollte sie mathematisch beschreiben. Das war dann auch das Thema meiner Diplomarbeit.“

Wie arbeitete man damals so ganz ohne moderne Computertechnik?

„Es gab schon Computertechnik, aber natürlich auf einem anderen Level als jene, die man heute kennt. Man hat ein Programm auf Papier geschrieben, hat dann Lochkarten gestanzt und ist mit diesem Lochkartenstapel zum Operator, der sie eingespielt hat. Dann hat man gewartet, bis ein langer, grüner Ausdruck kam, und hat geschaut, ob das Programm gelaufen ist und alles funktioniert hat.“

Wie hat das Ihre Arbeitsweise geprägt?

„Man musste mehr Ausdauer haben und akribisch arbeiten, denn man hatte nur einen oder zwei Versuche pro Tag – das schult schon etwas, auch in Bezug auf das logische Denken.“

Wie ging es nach dem Studium für Sie weiter?

Meine Diplomarbeit wurde mit einem Forschungspreis ausgezeichnet, da sie ein großes Novum war – davor waren nur Doktorarbeiten ausgezeichnet worden. Ich habe dann eine Anstellung beim Geologischen Dienst bekommen, zunächst auftragsgebunden. Promoviert wurde ich zum Thema hydraulische Tests in Festgesteinsaquiferen. So kam ich über Tiefbohrungen auch erstmals in Kontakt mit der Geothermie, also Anfang der achtziger Jahre, als ich die hydraulischen Tests von Tiefbohrungen auswerten musste. Dabei musste man auch die druck- und temperaturabhängigen Eigenschaften des Wassers berücksichtigen. Im Zuge meiner Doktorarbeit bekam ich die Gelegenheit, an der Forschungsbohrung Urach 3 zu arbeiten. Es war das 2. Hot-Dry-Rock-Projekt seiner Art weltweit. Eine spannende Aufgabe! Ich habe auch direkt nach der Diplomarbeit meinen Lehrauftrag an der Universität Freiburg angetreten, mit 27 Jahren. Das war für mich sehr wichtig und zu lehren hat mich ebenfalls sehr geprägt. Ab 2012 arbeitete ich dann als Professorin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in der Abteilung Geothermie.“

Gab es Mentorinnen und Mentoren, die im Laufe Ihrer Karriere wichtig waren?

„Mein Doktorvater Prof Dr. Keller war für mich sehr wichtig, denn er hat mich ermuntert, an meinen Themen zu arbeiten und später dann auch zu habilitieren. Dr. Strayle und. Dr. Schädel vom geologischen Landesamt habe ich ebenso viel zu verdanken.“

Wie war es damals als Frau in der Geothermie?

„Ich war allein auf weiter Flur, aber das hat mich nie gestört. Ich kannte es aus dem Studium – und ich bin immer der Devise gefolgt: Was man kann, das macht man. Da hat mich vielleicht auch mein Großvater geprägt.“

Wie schafft man es als Frau in der Wissenschaft an die Spitze? 

„Nach der Doktorarbeit habe ich an meiner Habilitation gearbeitet und war beim Landesamt als Hydrogeologin tätig. Als Beamtin habe ich dort Landkreise beraten, zum Beispiel, wie man Trinkwasser neu erschließt. Als ich dann ein Kind bekam, war das alles nicht mehr so einfach – 1990 gab es nicht so eine gute Kinderbetreuung wie es sie heute gibt. Ich habe meinen Sohn manchmal in einer Umhängetasche mit ins Gelände genommen. Die Bohrleute fanden das eher nett und toll. Etwas später hat mein Sohn mir zum Beispiel dabei geholfen, Wasserproben zu nehmen. Aber natürlich war da diese Zerrissenheit, als Mutter und im Beruf präsent zu sein. Ich hatte allerdings Hilfe von einer Tagesmutter aus der Nachbarschaft.“ 

Sie haben 2014 die Patricius Medaille bekommen – was war das für ein Gefühl?

„Das war wirklich großartig und sehr überraschend, und ich habe mich sehr darüber gefreut, diese Wertschätzung verliehen zu bekommen.“

Welche Bedeutung spielt Lehren für Sie? Als Autorin eines Lehrbuchs zur Geothermie sicherlich eine sehr wichtige?

„Ich bin gerne mit jungen Menschen zusammen und finde es toll, meine Erfahrung weiterzutragen. Außerdem hält es mich auch fit, Vorlesungen zu halten und Diskussionen zu führen. Besonders schön finde ich dabei, wenn ich Studienarbeiten betreue und sehe, dass die Studierenden auf einmal wirklich aufwachen und beginnen, für ihr Thema zu brennen.“

Was hat sich in den letzten Jahren in der Geothermie in DE getan – und was fehlt uns noch?

„Ich finde Dr. Erwin Knapeks Verdienst, im Verband die Tiefe und Oberflächennahe Geothermie wieder zusammenzubringen, sehr wichtig. Was es bräuchte: Eine stärkere Öffentlichkeit, die die Geothermie als Wärmelieferanten in den Köpfen der Menschen verankert. Denn ohne eine erfolgreiche Wärmewende gibt es auch keine erfolgreiche Energiewende. Wir brauchen auch mehr geothermische Speicher – was Geothermie mit Blick auf saisonale Speicherung leisten kann, muss bekannter werden. Und im ländlichen Raum ist die Oberflächennahe Geothermie gefragt, hier müssen wir Entscheidungsträgern mehr Handreichungen geben und für diese Technologie werben.“

Was machen Sie zur Entspannung?

„Wandern, Skifahren, Radfahren, Fotografieren und Lesen. Ich reise gerne nach Island und Nord-Norwegen.“