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„Man wächst an seinen Aufgaben“ – Geothermie zwischen Forschung, Vernetzung und Verantwortung

| News

Für unsere Serie „Frauen in der Geothermie“ haben wir mit Prof. Dr. Simona Regenspurg über ihren Weg, ihre Forschung und ihr Engagement für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Branche gesprochen.

Foto: Prof. Dr. Simona Regenspurg / Gestaltung: Susann Piesnack

Prof. Dr. Simona Regenspurg hat mit ihren Langzeituntersuchungen an Tiefbohrungen und ihrer Forschung zum Zusammenspiel zwischen Geologie, Hydrochemie, Bakterien und Mineralogie in tiefengeothermischen Anlagen einen bedeutenden Beitrag für die Geothermie geleistet. Als eine der Chefredakteur:innnen der Zeitschrift „Geothermal Energy“ verhilft sie Forschung im Bereich Geothermie zu mehr Öffentlichkeit. Des Weiteren hat sie das Chapter „WING-Germany“ innerhalb des globalen Netzwerkes WING (kurz für „Women in Geothermal“) und die GeoEnergie-Allianz Berlin-Brandenburg, ein regionales, interdisziplinäres Forschungsnetzwerk für Geoenergie, mitgegründet. Damit verstärkt sie die Vernetzung innerhalb der Branche.

Der Bundesverband Geothermie ehrte eine Pionierin der Geothermie in Deutschland und darüber hinaus mit der Patricius Medaille 2025 im Rahmen des Geothermiekongress in Frankfurt am Main. 

Welche Erfahrungen in der Kindheit und Jugend haben Sie für Ihren weiteren Berufsweg geprägt? Warum haben Sie sich für ein Studium der Geowissenschaften entschieden?
Ich bin tatsächlich erst relativ spät auf die Geologie gestoßen. Als Kind war ich sehr tierlieb und als Jugendliche habe ich mich intensiv mit Themen wie Umwelt- und Wasserschutz beschäftigt. Ich habe viele Tierzeitschriften gelesen und mich auch für Organisationen wie Greenpeace interessiert. Zunächst lag daher ein Studium der Biologie nahe. Erst später bin ich auf die Geowissenschaften aufmerksam geworden und habe gemerkt, wie gut sich dort mein Interesse an Umweltfragen, natürlichen Prozessen und dem System Erde verbinden lässt. Diese Kombination hat mich letztlich überzeugt, Geologie zu studieren.

Wie haben Sie das Studium in Hinblick auf Gleichberechtigung erlebt? 
Ich habe in den 1990er-Jahren Geologie in München studiert. Damals gab es keine einzige Professorin, lediglich ein oder zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen. Die Lehre war also stark männerdominiert, auch wenn etwa ein Drittel der Studierenden weiblich war. Persönlich habe ich keine Diskriminierung erlebt und das Miteinander war gut. Gleichzeitig war es eine Zeit des Wandels: In den Köpfen begann sich etwas zu verändern, und es wurde zunehmend selbstverständlicher, dass mehr Frauen sowohl naturwissenschaftliche Fächer studieren als auch in die wissenschaftliche Laufbahn und Lehre gehen.

Gab es frühe (weibliche) Vorbilder/Mentorinnen und Mentoren, die im Laufe Ihrer Karriere wichtig waren?
Weibliche Mentoren hatte ich während des Studiums keine, jedoch waren für mich vor allem die Betreuer meiner Diplomarbeit und meiner Dissertation sehr unterstützend. Erst in der Postdoc-Phase habe ich insbesondere im Ausland starke weibliche Vorbilder kennengelernt, etwa in der Schweiz und in Schweden. Dort wurde ich gezielt gefördert und auch inspiriert. 

Sie haben bereits viel Erfahrung im Ausland als wissenschaftliche Mitarbeiterin gesammelt, darunter in den USA, Schweden und der Schweiz. Was hat Sie dazu bewogen und wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Nach meiner Promotion bin ich zunächst in die USA gegangen, später nach Schweden und in die Schweiz. Diese verschiedenen Postdoc-Stationen haben meinen Horizont enorm erweitert. Ich habe nicht nur unterschiedliche wissenschaftliche Fragestellungen kennengelernt, sondern auch verschiedene Bildungssysteme und Lebensweisen. In der Schweiz habe ich beispielsweise parallel an mehreren Projekten gearbeitet und Studierende betreut. Diese internationale Erfahrung war fachlich und persönlich sehr prägend.

Womit beschäftigen Sie sich aktuell im Rahmen Ihrer Tätigkeit beim GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung?
Mein Forschungsschwerpunkt liegt in der Geochemie im Bereich geothermischer Fluide. Dabei untersuche ich insbesondere die chemischen Wechselwirkungen zwischen Gestein, Wasser und technischen Materialien. Ein Beispiel ist das Projekt ATES iQ, in dem die geothermische Nutzung von Karbonatgesteinen im norddeutschen Becken untersucht und Konzepte für die Erkundung, Erschließung und den Betrieb von Wärmespeichern entwickelt werden. 
Ein zentrales Thema ist darüber hinaus aktuell die sogenannte Koproduktion, also die gleichzeitige Gewinnung von Wärme und kritischen Rohstoffen aus geothermischen Systemen. Dabei geht es zunächst um grundlegende Fragen: Welche Elemente sind im Thermalwasser enthalten? In welchen Konzentrationen treten sie auf? Und wie lassen sie sich technisch extrahieren? Ein Schwerpunkt liegt auf Lithium, aber auch Elemente wie Strontium, Rubidium, Kupfer, Palladium oder Helium spielen eine Rolle. Aktuell befindet sich vieles noch im Forschungsstadium – wirtschaftliche Anwendungen sind bislang nur begrenzt umgesetzt. Oft beginnt die Arbeit mit Messungen, und scheinbar überraschende Ergebnisse lassen sich bei genauer Betrachtung meist (geo-)logisch erklären.

Welches der Projekte, an denen Sie mitgewirkt haben, ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben und worum ging es dabei?
Besonders prägend war für mich die Arbeit an der Forschungsplattform des GFZ in Groß Schönebeck. Dort wurde eine etwa vier Kilometer tiefe Dublette abgeteuft, die ab 2009 schrittweise zur Stromerzeugung in Betrieb gehen sollte. Das Projekt war stark interdisziplinär angelegt: Über mehrere Jahre hinweg haben zahlreiche Forschende aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammengearbeitet. Dieser gemeinsame „Spirit“ und die enge Zusammenarbeit im Team haben das Projekt für mich besonders gemacht.

Was begeistert Sie an der Geothermie? Welche Aspekte der Geothermie benötigen Ihrer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit?
Geothermie ist einfach eine tolle Energieform, weil sie grundsätzlich weltweit verfügbar und nachhaltig ist. Gleichzeitig stellt jede geologische Situation eigene Anforderungen, sodass Lösungen immer standortspezifisch entwickelt werden müssen. Ich sehe vor allem Bedarf bei der Entwicklung von Demonstrationsprojekten unter realen Bedingungen. Es braucht mehr Reallabore, um unterschiedliche Ansätze zu testen und die jeweils besten Lösungen zu identifizieren. Auch politische Unterstützung ist entscheidend. Gerade vor dem Hintergrund steigender Preise für Öl und Gas sowie geopolitischer Abhängigkeiten wird deutlich, wie wichtig regionale, unabhängige Energiequellen wie die Geothermie sind.

Sie sind Botschafterin für WING (Women in Geothermal) für Deutschland. Wie kam es dazu und wofür setzen Sie sich ein?
Ich bin über einen Kollegen auf die Initiative Women in Geothermal (WING) aufmerksam geworden. WING global ist die Dachorganisation, wobei jedes Land je nach Engagement ein eigenes „Chapter“ besitzt. Als ich mich damals registriert habe, gab es in Deutschland noch kein eigenes Chapter. Auf dem WGC in Island habe ich dann die Gründerin Ann Robertson-Tait kennengelernt, und daraus entstand die Idee, auch in Deutschland eine Struktur aufzubauen. Als Botschafterin habe ich zunächst ein Kernteam zusammengestellt und die Gründung eines Vereins mit vorangetrieben. Den Vereinsvorsitz habe ich mittlerweile aus Zeitgründen an Olga Knaub, Fraunhofer IEG, abgegeben. Das Netzwerk organisiert unter anderem Webinare, ist auf Konferenzen präsent und setzt sich für mehr Sichtbarkeit und Sensibilisierung beim Thema Gleichstellung ein. Perspektivisch geht es auch darum, Frauen ganz konkret zu unterstützen, etwa durch Fördermöglichkeiten.

Was machen Sie zur Entspannung?
Für mich spielt Musik eine große Rolle. Ich habe als Kind Querflöte gespielt und dieses Hobby später wieder aufgegriffen, inzwischen mit dem Saxofon. Dieses Instrument bietet viel Ausdruck und Emotionalität, was mich besonders reizt. In Potsdam haben wir sogar eine kleine Band gegründet, mit der wir auch schon am GFZ aufgetreten sind.
Außerdem begeistert mich das Weitwandern. Ich bin dann oft mehrere Tage oder Wochen am Stück nur mit Rucksack auf weiten Strecken unterwegs, zum Beispiel auf einer Alpenüberquerung von München nach Venedig oder auf Fernwanderwegen wie dem GR10 durch die Pyrenäen.

Welchen Rat hätten Sie gerne früher in Ihrer Karriere gehört?
Einen konkreten Rat habe ich selbst lange nicht bekommen. Erst später hat mich beispielsweise ein Kollege ermutigt, mich auf eine Professur zu bewerben. Auch wenn ich anfangs gezögert habe, hat mir diese Erfahrung gezeigt: Man wächst an seinen Aufgaben. Es lohnt sich, Dinge auszuprobieren und Chancen zu ergreifen, auch wenn man sich zunächst unsicher ist. Gerade Frauen zögern oft und unterschätzen ihre eigenen Kompetenzen. Studien zeigen, dass Frauen sich seltener auf Stellen bewerben, wenn sie nicht alle Anforderungen erfüllen, während Männer oft auch bei Teilqualifikationen den Schritt wagen. Das sollte man auch in Bewerbungsgesprächen berücksichtigen und gleichzeitig selbst als Anreiz nehmen, sich zu trauen und vor allem zuzutrauen, Herausforderungen meistern zu können.

Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben, wenn es darum geht, sich beruflich zu behaupten? 
Ein wichtiges Thema sind nach wie vor sogenannte „unconscious biases“, also unbewusste Vorurteile. Diese existieren in vielen Köpfen und beeinflussen Verhalten oft, ohne dass es den Beteiligten bewusst ist. Umso wichtiger ist es, diese Verhaltensweisen zu entlarven und sich davon nicht verunsichern zu lassen und den eigenen Weg selbstbewusst zu gehen.

Für unsere Serie suchen wir weitere Frauen aus der Geothermie! Sie wollen mitmachen oder kennen eine beeindruckende Frau aus der Geothermie? Dann !