Welche Erfahrungen in der Kindheit und Jugend haben Sie für Ihren weiteren Berufsweg geprägt?
„Ich bin in Ungarn aufgewachsen. Dort gibt es viele Thermalbäder. Dadurch kam ich mit der Geothermie schon sehr früh in Berührung. Auch in der Schule ist über diese erneuerbare Wärmequelle gelehrt worden. Von Geothermieanlagen habe ich allerdings nicht viel mitbekommen – auf meinem Schulweg waren eher rauchende Schornsteine, Holzheizungen und Luftverschmutzung im Winter zu sehen.“
Gab es Vorbilder, Forscher*innen oder Menschen in ihrem Umfeld, die Sie beeindruckt und inspiriert haben?
„Was es so alles in der Welt gibt, habe ich erst später gesehen. Das Berufsfeld habe ich kennengelernt, als ich an der Universität war. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es nur wenige Berufsfelder, egal, ob für Frauen oder Männer.“
Wie war das Frauenbild zu dieser Zeit in Ihrem Umfeld?
„Traditionell. Zwar haben viele Frauen bereits gearbeitet und mit Geld verdient, aber das Kochen und die Hausarbeit waren immer noch allein ihre Aufgabe. Signale, dass dies ungerecht sei oder geändert werden sollte, gab es damals noch nicht.
So habe ich auch die Extreme miterlebt: Als Kind wurde ich natürlich auch in einen Ballettverein und in den Kunstverein eingeschrieben – was zwar für meine Kreativität sehr gut war, aber nur in reinen Mädchengruppen zu sein, fand ich auch immer komisch. Mein Bruder musste dies alles nicht. Mit ihm habe ich in den Sommerferien mit Lego gespielt und Autos gebaut.“
Warum haben Sie sich für ein Studium der Geowissenschaften entschieden?
„Da ich an vielen Sachen interessiert war, fiel mir die Studienentscheidung nicht leicht. Was mir an dem Fach gefallen hat, war die Vielseitigkeit, da ich mich nicht auf ein schmales Gebiet festlegen wollte. Außerdem hatte ich das Gefühl, das die Naturwissenschaften zukunftsfähiger als die Geisteswissenschaften sind.“
Wie haben Sie das Studium in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit erlebt?
„Ich habe an der RWTH Aachen studiert. Täglich gab es dort Witze über den Männerüberschuss, der nicht nur an der Uni, sondern auch in der gesamten Stadt zu spüren war. Da ich durch meine sportlichen Hobbys schon gewohnt bin, mehr unter Männern zu sein und mich die Frauenthemen auch nicht so wirklich interessiert haben, störte es mich nicht. Erst nach und nach verstand ich, dass das ein systematisches Problem aus altmodischen gesellschaftlichen Normen ist. Ich muss aber auch sagen, dass in meinem Studiengang ein recht ausgeglichenes Verhältnis geherrscht hat und ich einen gemischten Freundeskreis hatte.“
Gab es Mentor:innen, die Sie in Ihrer bisherigen Karriere geprägt haben?
„Leider habe ich mich zu spät und zu wenig in diese Richtung informiert. Allerdings bin ich, das muss ich auch zugeben, sehr stur. Daher weiß ich nicht, ob ich mich von anderen beeinflussen lassen hätte. So habe ich mich dann mit Trial-and-Error rumgeschlagen und musste manchmal einen Umweg gehen. Das hätte mit Mentor*innen besser geklappt.“
Wie würden Sie einem Laien erklären, was Geothermie ist?
„Kurz gesagt: Wärme aus der Erdentstehung ist im Erdinneren gefangen und die Kunst der Geothermie ist es, diese Wärme zu erschließen – also so tief zu bohren, bis man diese Wärme erreicht. Im Anschluss muss diese Wärme in unsere Wohnungen gebracht werden. Diese große Herausforderung ist unsere Arbeit. Genug Wärme für alle ist in der Erde vorhanden.“
Was begeistert Sie an der Geothermie?
„Mich begeistert vor allem die Vielseitigkeit, also die Tatsache, dass jedes Projekt anders ist. Man hat immer neue Herausforderungen und lernt etwas dazu. Trotzdem gibt es die physikalischen Regeln dahinter, die man nicht brechen kann.“
Was sind Ihre Wünsche für die Geothermie?
„Ganz klar: Mehr Sichtbarkeit und Bekanntheit. Und das geht meiner Meinung nach hauptsächlich durch Bildung. Im vorletzten Jahr gab es von der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) eine Studie, die zeigt, dass nur 40% der deutschen Bevölkerung wissen, dass man mit Geothermie heizen und kühlen kann.
Auch bei meiner Arbeit erlebe ich diese Unwissenheit öfters. Derzeit sind wir an einem Projekt zur Förderung von Mädchen an ländlichen Schulen in Bayern beteiligt. Dafür sind wir teilweise an Schulen, die keine zehn Kilometer von einem Bohrturm entfernt stehen. Und dort stellen wir fest, dass sie vielleicht Begrifflichkeiten wie Erdwärme mal gehört haben, aber keiner weiß, was Geothermie ist. Da müssen wir vor allem in den jüngeren Jahrgängen noch viel tun.“
Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich in das Feld Geothermie eingearbeitet hatten?
„Bis ich ruhig und ohne Aufregung auf Fragen antworten konnte, hat es ungefähr ein Jahr gedauert. Aber natürlich lerne ich auch jetzt noch jeden Tag dazu, da sich durch die neuen Technologien das Feld der Geothermie immer weiterentwickelt.“
Im Jahr 2023 haben Sie bei der Geothermie-Allianz Bayern (GAB) die Projektleitung von Dr. Michaela Meier übernommen. Welche Aufgaben haben Sie in dieser Position und welchen Herausforderungen begegnen Sie?
„Da ich schon davor in der GAB gewesen bin, kann ich sagen, dass es von der wissenschaftlichen Seite ähnlich geblieben ist. Das Besondere an der Projektleitung ist die Verantwortung, die man über das Gesamtprojekt hat. Außerdem verlangt die Projektleitung etwas mehr Organisationsgeschick sowie den Umgang mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. So zählen jetzt die Soft Skills fast mehr als das fachliche Wissen.“
Bei der GAB arbeiten Sie in der Projektkoordination mit vergleichsweise vielen Frauen zusammen. Wie schätzen Sie jedoch im Allgemeinen das Feld der Geothermie ein – ist es noch ein hauptsächlich männlich dominiertes Feld?
„Ich sage mal: Es ist Besserung in Sicht. Bei der Ü-60-Generation findet man nur vereinzelt Frauen. Aber wenn man rund um meinen Jahrgang schaut, dann nähert es sich einer deutlichen Ausgeglichenheit. Wenn die Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht, werden auch viel mehr Frauen die Lücken füllen. Davon bin ich überzeugt.“
Was werten Sie für sich als bisher größten wissenschaftlichen Erfolg?
„Durch die Übernahme der Projektleitung ist meine wissenschaftliche Karriere etwas in den Hintergrund gerückt, da mehr Anträge und Berichte als Paper geschrieben werden müssen. Wenn ich aber die Arbeit der GAB betrachte, ist das Gutachten Masterplan Geothermie Bayern sehr beeindruckend. Besonders durch die Zusammenarbeit mit unter- und obertägigen Faktoren. Auch die geologischen und seismischen Risiken können wir in Bayern schon sehr gut voraussagen. Und im Bereich der Energieumwandlung haben wir neue Ansätze, vor allem unter flexiblen und kombinierten Betrieb von Anlagen, wodurch wir die Auslastung sehr gut erhöhen konnten.“
Was machen Sie als Ausgleich zur Arbeit? Ich habe gesehen, dass Sie an vielen sportlichen Wettkämpfen beteiligt gewesen sind, u.a. für die Leichtathletik-Gemeinschaft der Stadtwerke München.
„Sport ist für mich sehr wichtig und sorgt für einen Ausgleich. Dabei habe ich auch gelernt, mich trotz Männerüberschuss wohlzufühlen und hatte immer Spaß mit meinen Trainingskollegen. Auch wenn ich Schule und Beruf immer einen höheren Stellenwert eingeräumt habe, ist Sport meiner Ansicht nach entscheidend für die psychische und physische Gesundheit. Deshalb kann ich jedem nur empfehlen, etwas für die Gesundheit zu tun.“
Zum Abschluss: Was würden Sie Frauen mit auf den Weg geben, wenn es darum geht, sich beruflich zu behaupten? Welchen Rat hätten Sie gerne früher in Ihrer Karriere gehört?
„Was mir auf dem Weg viel gebracht hat, ist Mut zu haben und den eigenen Weg zu gehen. Dadurch konnte ich mich von den typischen Stereotypen fernhalten.
Wichtig finde ich auch, Angebote und Herausforderungen anzunehmen, ohne sich lange darüber den Kopf zu zerbrechen – wenn man weiß, warum man etwas tut, kann man auch ein bisschen über sich hinauswachsen. Und aus Fehlern lernt man – deshalb sollte man keine Angst davor haben, mal einen Fehler zu machen.“