In unserem Interview sprechen Christian Kühn, Projektleiter, und Sebastian Paulo, Projektingenieur Geothermie bei der Transflow-Geotherm über die Arbeit des deutschlandweit tätigen Planungsbüros. Transflow Geotherm begleitet Projekte von der Potenzialanalyse bis zur Baubegleitung – technologieoffen und unterstützt durch eigene Simulationssoftware. Im Gespräch erläutert Kühn, wie präzise Planung, innovative Sondenfelder und praxisnahe Softwarelösungen die Effizienz von Geothermieanlagen steigern und welchen Beitrag die Geothermie für Kommunen, Industrie und die Energiewende leisten kann.
Können Sie Ihr Unternehmen kurz vorstellen? Womit beschäftigt sich Transflow Geotherm?
Wir sind ein Planungsbüro mit Schwerpunkt auf Geothermie und arbeiten deutschlandweit unterstützt durch eine eigene referenzierte Simulationssoftware, entwickelt von Prof. Dr. Frieder Häfner an der TU Bergakademie in Freiberg. Damit können wir exakt und dynamisch Wechselwirkungen von oberflächennahen und tiefen geothermischen Technologien simulieren. Ursprünglich kommen wir mit dem Unternehmen Transflow GmbH aus dem Bereich des Chemieanlagenbau und der Industriepumpentechnik. Der Geschäftsführer und seine Frau haben in früheren Tätigkeiten schon viel Erfahrung mit Erdwärme und Tiefbohrtechnik gesammelt und so lag es nahe mit Beginn der Energiekrise ein weiteres Geschäftsfeld unabhängig von der energieintensiven Stammkundschaft aufzubauen.
Wir bieten technologieoffene Simulation und Optimierung von Geothermieanlagen, die Planung oberflächennaher Geothermie nach Leistungsphasen 1–9 sowie Potenzialstudien für die Tiefe Geothermie an.
Welche Services bieten Sie konkret an?
Wir begleiten Projekte von der Machbarkeitsstudie, über die Entwurfsplanung, der Abstimmung mit Behörden bis hin zur Ausschreibung und zur Baubegleitung an. Mit dem besonderen Fokus auf Planung der Bohrungen, sowie der begleitenden Betreuung von Bohrarbeiten und Anlageninbetriebnahmen. Kern unserer Arbeit sind vorrangig größere Anlagen, also Sondenfelder ab fünf Sonden aufwärts – bis hin zu 100 oder mehr. Unser Ziel ist langfristig, auch schlüsselfertige Komplettlösungen für kleinere Projekte wie Eigenheime, KITAs, Turnhallen etc. anzubieten. Im Bereich der oberflächennahen Geothermie setzen wir auf unsere eigene hochpräzise Spezialsoftware MODThermWG und MODGeo3D, die eine technologieoffene Auslegung unterschiedlichster Anlagentypen ermöglicht – bevorzugt unter Einsatz innovativer Multi-U-Rohrsonden (Ringrohrsonden). Durch 3D-Sondenfeldauslegung optimieren wir Anlagen mithilfe unterschiedlicher Teufen, gezielter Regeneration und variabler Sondenkonfigurationen innerhalb eines Feldes. Variantenvergleiche inklusive der jeweiligen Prognosen zur Jahresarbeitszahl sichern eine fundierte Entscheidungsbasis. Wir bieten sämtliche Leistungsphasen nach HOAI sowie schlüsselfertige Probebohrungen und die Auswertung von Thermal Response Tests (TRT) aus einer Hand.
Auch für Anlagen der Tiefen Geothermie arbeiten wir technologieoffen und nutzen eigene, referenzierte Spezialsoftware wie MODThermWG und MODLOOP. Zu unseren Leistungen zählen geologische Erstbewertungen, umfassende Potenzialanalysen – inklusive innovativer Ansätze wie Eavor-Loop™, DualVac™ sowie hydrothermale Systeme oder Kombinationen aus Tiefengeothermie und Wärmepumpe – und die Bewertung von Regenerationspotenzialen. Quantitative Investitions- und Betriebskostenabschätzungen ermöglichen zudem eine belastbare Vergleichbarkeit verschiedener Projektoptionen.
Wie läuft der Prozess von der Planung bis zur Umsetzung ab?
Das hängt davon ab, ab wann wir im Projekt einbezogen werden. Klassischerweise wollen wir bereits in der Vorplanung involviert sein. Uns zeichnet aus, dass wir nicht nach Schema F machen, sondern aus der Fülle der Möglichkeiten eine optimale Lösung iterativ ausarbeiten. Da kann es sein, dass wir ein Sondenfeld entwickeln, was im Kern mit überbauten und regenerierten Multi-U-Rohrsonden und am Rand mit Doppel-U-Rohrsonden gebohrt wird. Das ergibt dann eben ein Optimum aus Investitionskosten und Jahresarbeitszahl.
Der typische Projektablauf beginnt mit der Entwurfsplanung in enger Abstimmung mit dem Bauherrn, bei der dann zunächst die Anforderungen, Randbedingungen und energetischen Ziele definiert werden. Anschließend folgt die Abstimmung mit den zuständigen Behörden, um Genehmigungsfragen zu klären und notwendige Unterlagen einzureichen. Darauf aufbauend erstellen wir die Detailplanung und im nächsten Schritt das Leistungsverzeichnis (LV). Auf dieser Grundlage erfolgt die Ausschreibung, bei der geeignete Bohrunternehmen sowie ergänzende Hilfsunternehmen angefragt werden. Nach Sichtung der Angebote unterstützen wir bei Auswahl und Vergabe. In der folgenden Phase übernehmen wir die Baubegleitung, einschließlich der koordinierten Betreuung vor Ort, um die fachgerechte Umsetzung der Bohrarbeiten und Anlagenherstellung sicherzustellen.
Ein besonderer Vorteil von uns ist, dass wir als Ingenieurteam den Fachplanern für Haustechnik ein kompetentes Gegenüber sind.
Wie integriert das Unternehmen Forschung und Praxis in seine Projekte?
Unsere Wurzeln liegen in der Forschung: Wir nutzen und entwickeln eigene Simulationssoftware, die auf Fluide und thermische Prozesse spezialisiert ist. Die Software wurde ursprünglich von Prof. Häfner, langjährigem Professor an der TU Bergakademie, mitentwickelt. Sie basiert auf Methoden aus der Erdöl- und Erdgasbewertung und wurde für die Modellierung geothermischer Systeme sowie die Analyse von Schadstoffausbreitung adaptiert. Sie erlaubt sehr präzise numerische Simulationen unter realitätsnahen Bedingungen.
Wir arbeiten außerdem mit Hochschulen zusammen und haben bereits diverse Potenzialstudien begleitet, etwa zur Mitteltiefen und Tiefen Geothermie in Erfurt sowie im Rahmen von Gesamtpotenzialstudien in Kooperation mit der TU Freiberg.
Technologische Entwicklungen können die Effizienz und Wirtschaftlichkeit von Geothermieprojekten steigern. Welche Innovationen halten Sie aktuell für besonders relevant?
Die Multi-U-Rohrsonden von BLZ-Geotherm, welche von Dr.-Ing. Rolf Michael Wagner entwickelt wurden, sind ein besonderes Thema: Sie ermöglichen einen bis zu 30 % höheren Ertrag gegenüber herkömmlichen Sonden, also entweder 30% weniger Bohrmeter oder eben 30% weniger Sonden. Da steckt ein gewaltiges Potential drin. In Brandenburg wird sie mittlerweile als empfohlene Technologie angesehen, und in Sachsen-Anhalt wurde das erste große Sondenfeld mit 28 RRS-Sonden genehmigt.
Welche Faktoren sind entscheidend, damit ein Geothermieprojekt erfolgreich umgesetzt wird?
Ein wesentlicher Punkt ist die genaue Planung und Auslegung, besonders bei der Regeneration und Kombination mit anderen Wärmequellen wie Photovoltaik oder Abwärme. Zudem braucht es verlässliche Genehmigungsprozesse. Derzeit unterscheiden sich die Richtlinien je Bundesland und oft sogar auf Landkreisebene. Das sorgt für Unsicherheiten und längere Verfahren. Eine klare Zuständigkeit und die Anerkennung innovativer Technologien wie der Multi-U-Rohrsonde würden die Umsetzung erheblich beschleunigen. Gleichzeitig gilt: Werden Genehmigungen für große Projekte vereinfacht und standardisiert, erleichtert das auch die Verfahren für kleinere Anlagen und schafft so insgesamt mehr Dynamik im Ausbau der Geothermie.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Ihren Kunden, und wie beeinflusst das Ihre Projektentwicklung?
Wir leben stark von Empfehlungen. Nach erfolgreich abgeschlossenen Projekten entstehen neue Aufträge meist durch Mundpropaganda. Das motiviert uns, stetig an der Optimierung und Genauigkeit unserer Planungen zu arbeiten.
Wie sehen Sie die Entwicklung der Geothermiebranche in den nächsten fünf Jahren?
Wir beobachten aktuell einen Wandel: Während der Markt im Eigenheimbereich nahezu eingebrochen ist, boomt der öffentliche Bau. Kommunale Wärmeplanung und Großprojekte werden wichtiger. Generalunternehmer, die bisher wenig Kontakt zur Geothermie hatten, interessieren sich zunehmend dafür. Wir rechnen mit einem weiteren Wachstum, vor allem durch die Integration der Geothermie in kommunale und besonders auch industrielle Wärmenetze.
Welche Rolle spielt die Geothermie für Industrie und Kommunen in der Energiewende?
Geothermie ist eine langlebige, wartungsarme und nachhaltige Lösung mit Lebensdauern von 80 bis über 100 Jahren, im Vergleich zu etwa 15 Jahren bei Luftwärmepumpen. Der Wartungsaufwand ist minimal, in der Regel fällt lediglich nach rund 30 Jahren ein Kältemittel oder Wärmepumpentausch an. Gerade für große Liegenschaften und öffentliche Gebäude kann Geothermie eine stabile und verlässliche Wärmequelle sein. Zudem ermöglicht sie auch Kühlung, was ein zunehmend wichtiges Thema in hoch isolierten Gebäuden wird.
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in der Kommunikation und Wahrnehmung der Geothermie?
Viele Messen und Veranstaltungen richten sich noch stark an Fachkreise. Sinnvoll wäre es, Geothermie stärker in Haustechnik- oder Gebäudetechnikmessen zu integrieren, denn hier sind genau die Akteure aktiv, die den Grundstein in der Vorplanung legen, ob Geothermie in der Projektplanung überhaupt berücksichtigt wird: Energieberater, Haustechnik- und Heizungsplaner sowie Gebäudetechniker. Langfristig könnte zudem eine engere Verzahnung von Geothermie- und Heizungs-/Gebäudetechnikmessen helfen, unterschiedliche Interessensgruppen zu erreichen und die Technologie breiter im Markt zu verankern. Deshalb besuchen wir selbst regelmäßig branchenübergreifende Messen, um Geothermie dort sichtbar zu machen, wo die entscheidenden Weichen gestellt werden.
Das Interview führten wir mit Christian Kühn, Projektleiter bei Transflow-Geotherm, und Sebastian Paulo, Projekt- und Softwareingenieur Geothermie bei der Transflow-Geotherm.