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Bund stellt Zukunft der Energieforschung in Frage

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(Berlin, 24. Januar 2020) Geothermie ist ein wesentlicher Baustein für den Umbau des Wärmemarktes hin zur Nutzung von Erneuerbaren Energien. Um diese Technologie zu etablieren, hat die Bundesregierung die Weiterentwicklung der Technologie in den vergangenen Jahren gefördert. Die im Haushalt des BMWi für den Bereich „Energieforschung" geplante massive Absenkung der Verpflichtungsermächtigungen gefährdet die Kontinuität der Energieforschung. Die Branchenvertretung von Wissenschaft und Wirtschaft, der Bundesverband Geothermie, kritisiert diesen Schritt als kurzsichtig und verunsichernd.

Laut Bundeshaushalt plant das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) für den Bereich „Energieforschung“ (Bundestagsdrucksache 19/13924 - Etattitel 0903-68301) starke Einschnitte bei den Verpflichtungsermächtigungen. Ihr Umfang soll von ursprünglich fast 105 auf gut zehn Millionen Euro gesenkt werden. Für 2022 sind statt den bisherigen 127 nur noch 45 Millionen Euro vorgesehen. Für 2023 stehen statt 149 knapp 106 Millionen Euro im Plan.

Verpflichtungsermächtigungen ermöglichen es dem Bundeswirtschaftsministerium im Jahr 2020 Förderzusagen für die Energieforschung der Folgejahre 2021 bis 2026 zu erteilen. Diese teilen sich Forschungsprojekte aus den Bereichen Nutzung und Bereitstellung von Erneuerbaren Energien, Systemintegration sowie systemübergreifende Forschungsthemen der Energiewende.

„Die Verteilung von lediglich 10 Millionen Euro mit der Gießkanne auf diverse Bereiche der Energieforschung führt dazu, dass für die einzelnen Projekte und Bereiche nur Tröpfchen übrig bleiben. Damit kann die Energieforschung von etablierten Forschungszentren und innovativen Unternehmen nicht kontinuierlich fortgeführt werden“, sagt Dr. Erwin Knapek. „Mit den Senkungen der Verpflichtungsermächtigungen würgt die Bundesregierung den Innovationsgeist der Energiebranche jäh ab. Die Forschungsprojekte, die in diesem Jahr einen Zuschlag bekommen, müssten das Geld direkt in diesem Jahr ausgeben, im Folgejahr könnten sie kaum Kosten geltend machen. Das ist weit entfernt von den Realitäten eines effektiven Projektmanagements.“

Geothermie ist ein wesentlicher Baustein für den Umbau des Wärmemarktes hin zur Nutzung von Erneuerbaren Energien. Gebäudenah kann mithilfe von erdgekoppelten Wärmepumpen klimafreundliche Wärme bereitgestellt werden. Darüber hinaus ist eine weitgehend CO2-neutrale Wärmeversorgung bei Fern- und Nahwärmenetzen möglich. Um diese Technologie noch stärker und effizienter nutzen zu können, bedarf es Angewandter Forschung und Grundlagenforschung. Die massive Absenkung der Verpflichtungsermächtigungen birgt das Risiko, diese für die Energiewende notwendige Forschung zu gefährden.

Zum Gelingen der Energiewende ist die kontinuierliche, öffentliche Investition in Forschung sowohl in Projekte auf der letzten Meile, d.h. kurz vor Marktreife, aber auch in Projekte, die noch eine längere Entwicklung erfordern, unverzichtbar. Gerade die Wärmewende ist wegen der Komplexität der Wärmebereitstellung in Großstädten nur mit einem langen Atem zu bewerkstelligen. Wir wissen, dass regional verfügbare Erdwärme ein großes Potenzial für die Transformation von fossilen zu erneuerbaren Wärmequellen besitzt.

Jedoch benötigt die Entwicklung von Technologien, die die Hebung dieser Potenziale planungssicher machen können, noch weitere Investitionen in Forschung und Entwicklung. Ohne diese anteilig öffentlichen Investitionen in F&E für Geothermie wird es in vielen Großstädten hinsichtlich der Wärmewende Innovationsstillstand geben.

Statements deutscher Forscher:

Prof. Dr. Horst Rüter, HarbourDom, Sprecher des BVG-Fachausschusses Wissenschaft und Bildung:

„Wenn sich der Weltwirtschaftsgipfel in Davos erstmals einig ist und im Klimawandel das größte Zukunftsrisiko sieht, und wenn er gleichzeitig in der Technologieentwicklung die größte Chance zur Bekämpfung des Klimawandels sieht, kann sich Deutschland nicht von der zugehörigen Forschung praktisch komplett verabschieden“.

Prof. Dr. Ernst Huenges, Sektionsleiter Geoenergie des Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum:

„Die Zusammenarbeit von institutioneller Forschung, Universitäten und der Industrie benötigt eine öffentlich geförderte Finanzierungsgrundlage. Das dient vorwettbewerblichen Entwicklungen, die für eine strategische Implementierung geothermischer Wärme in Städten unverzichtbar sind."

Prof. Dr. Ingo Sass, Fachgebietsleiter für Angewandte Geothermie der Technischen Universität Darmstadt:

„Eine unserer zentralen Aufgaben liegt in der Ausbildung von Studierenden zu Ingenieuren und Fachleuten für die Wärme- und Energiewende. Sie werden es sein, die die Lösungen für eine nachhaltige zukünftige Energieversorgung entwickeln und umsetzen. Zukünftige Fachleute können wir jedoch nur gewinnen, wenn die Geothermie sichtbar ist, was in hohem Maße von unserer Forschungstätigkeit abhängt. Diese benötigt allerdings eine kontinuierliche Förderung u.a. durch das 7. Energieforschungsprogramm.“

Auswahl aktueller Geothermie-Forschungsthemen:

  • Lithium-Extraktion aus dem geothermischen Thermalwasser zum Einsatz in Akkus,
  • Saisonaler Tiefenspeicher im Aquifer als integrale Komponente zur Realisierung der Wärmewende mit Zeithorizont 2030,
  • Entwicklung langlebiger Geothermie – Komponenten der Thermalwasserpumpe,
  • Geologische Frühwarnsysteme:  Professionalisierung Tracer-Tests, Monitoring von Thermalwasserveränderungen,
  • Glasfaserinstallation in Injektionsbohrung mit Peripherie für Reservoirmonitoring / Reservoirmanagement,
  • Entwicklung neuer Anwendungen für die Glasfasertechnik und -daten (Pumpenmonitoring, Bohrungsintegrität, Zementationsqualität etc.),
  • Entwicklung von Hybridlösungen und innovativen Konzeptionen zur Optimierung von Geothermiestandorten, auch Repowering, 
  • Entwicklung von Konzepten zur Konvertierung fossil-geprägter Standorte zu CO2-neutralen Standorten,
  • Geothermiekraftwerke 2.0, Entwicklung einer flexiblen und angepassten Anlagentechnik (minimale Auslegung als Baukastensystem) zur Etablierung einer geothermischen Stromerzeugung als Brückenlösung zum Wärmenetzausbau und Vollwärmeversorgung.

 

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