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Sechs Jahre Großbaustelle - und kein Protest

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Die Stadtwerke planen auf der Liegewiese des Michaelibads die größte Geothermieanlage Deutschlands. Auf wütende Anwohner wartet man beim Infomobil im Biergarten aber vergeblich - trotz drohender Lärmbelastung und Baumfällungen.

Projektleiter Matthias Dax von den Stadtwerken erklärt Anwohnern am Infomobil die Pläne für eine neue Geothermieanlage im Michaelibad. (Foto: Robert Haas)

Die gleißende Sonne hat die Menschen im Michaeligarten auf die Schattenplätze gedrängt, der Spielplatz ist verwaist, es geht beschaulich zu im nördlichsten Biergarten Neuperlachs - auch vor dem Infomobil der Stadtwerke München (SWM), das an diesem Nachmittag unter den Kastanien Position bezogen hat. Wer hier wütende Anwohnerinnen oder Bürger mit Protestplakaten erwartet hat, sieht sich getäuscht. Dabei geht es am Infomobil um ein gewaltiges Bauprojekt, das sich über sechs Jahre hinziehen soll - inklusive Lärmbelastung für die Nachbarschaft und der Fällung von 90 Bäumen. Und das nur einen Steinwurf vom Biergarten entfernt, an einem der - zumindest im Sommer - belebtesten Plätze: der Liegewiese im Michaelibad.

Dort planen die SWM eine der größten Geothermieanlagen Deutschlands, die ab 2029 insgesamt 75 000 Münchnerinnen und Münchner mit Fernwärme versorgen soll. Schon nächstes Jahr wird es losgehen mit der Einrichtung der Baustelle im westlichen Teil der Liegewiese, 2024 folgt dann der Startschuss für die Arbeiten an der Wärmestation und am Bohrplatz. Dort soll ab 2025 in acht Bohrlöchern mehr als 2500 Meter in die Tiefe gebohrt werden - drei Jahre lang, und das rund um die Uhr. Doch trotz des damit verbundenen Lärms und der Baustelle mitten im Freibad bleibt der Protest der Anwohner zumindest an diesem Nachmittag aus. "Es war niemand hier, der gesagt hätte: Dieses Projekt wollen wir nicht", betont Matthias Dax.

Dax ist Geologe und bei den Stadtwerken zuständig für das Geothermieprojekt im Michaelibad. Er muss am Infomobil vor allem eine Frage beantworten: "Alle, die kommen, wollen wissen, wann sie sich an die Geothermie anschließen können." Denn in Zeiten von explodierenden Energiepreisen und drohender Gasknappheit wächst allenthalben das Interesse an importunabhängigen und klimaschonenden Energien wie der Geothermie, also der Nutzung von Erdwärme, indem heißes Thermalwasser an die Oberfläche gepumpt wird.

"In Anbetracht der aktuellen geopolitischen Lage sehe ich es positiv, wenn die Stadtwerke mit solchen Projekten versuchen, bei der Energiegewinnung selbständiger zu werden", sagt auch Alberto Heinze. Der 23-Jährige ist heute eigentlich in den Biergarten gekommen, um sich zu erfrischen; nun jedoch steht er vor dem Infomobil, um mehr über die Geothermiepläne in seiner Nachbarschaft zu erfahren. Er wohne gleich hier in Neuperlach, sagt Heinze, und seine Freundin auf der anderen Seite der Heinrich-Wieland-Straße in Berg am Laim. Ob sie da nicht Sorgen wegen des drohenden Baustellenlärms und der Beeinträchtigungen im Freibad hätten? Doch da winkt Alberto Heinze ab: "Die Liegewiese ist groß genug. Und die Baustelle ist ja nach ein paar Jahren wieder weg", sagt er. "Außerdem sind aus meiner Sicht die Zeiten vorbei, in denen man sich über so etwas Gedanken machen kann. Jetzt geht es darum, so nachhaltig wie möglich zu werden - und das so schnell wie möglich."

Ohnehin seien die Stadtwerke bemüht, die Belastung für Anwohnerinnen und Freibadbesucher während der Bauzeit möglichst gering zu halten, versichert Projektleiter Matthias Dax. Ihm zufolge wird nicht nur der Bohrturm eingehaust, sondern rund um die Bohrstelle soll auch eine Lärmschutzwand aus Seecontainern errichtet werden. Wie man diese während der Bauzeit gestalten und nutzen kann? Das ist eine der Fragen, die im Rahmen der Bürgerbeteiligung thematisiert werden soll.

Am Infomobil und über einen Online-Aufruf sollen auch Ideen für die Gestaltung der Freibadfläche und der Geothermieanlage nach Abschluss der Bauarbeiten gesammelt werden. Die Lärmschutzcontainer ließen sich etwa für Ausstellungen, als Graffitifläche oder Boulderwand nutzen. Und auf der Bohrfläche könnte beispielsweise ein Basketballplatz entstehen - so lauten zumindest die Vorschläge auf den Zetteln, die Bürger hier am Infomobil hinterlassen haben.

Dieses soll nun am kommenden Wochenende noch zwei weitere Male ausrücken - am Samstag zum Neuperlacher Wochenmarkt und am Sonntag auf den Michaelianger, jeweils von 13 bis 16 Uhr. Parallel dazu können Ideen für die Gestaltung der Liegewiese auch online eingereicht werden auf www.swm.de/geothermie-michaelibad. Die gesammelten Vorschläge sollen dann bei einer Projektwerkstatt öffentlich diskutiert werden.

Autor: Patrik Stäbler

Quelle: www.sueddeutsche.de