Beim Geothermiekongress 2025 traf Prof. Dr. Rolf Bracke, Leiter der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG, mit seiner Keynote zur Industrialisierung der Geothermie einen Nerv. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie der notwendige Hochlauf der Geothermie in Deutschland gelingen kann und was es konkret bedeutet, von einzelnen Projekten in den industriellen Maßstab zu wechseln.
Das große Interesse im Anschluss an den Vortrag zeigte: Die Branche steht vor einem entscheidenden Wendepunkt. Viele Teilnehmende fragten gezielt nach den Präsentationsfolien. Diese stellen wir nun gemeinsam mit einem vertiefenden Interview mit Prof. Dr. Bracke zur Verfügung.
Warum brauchen wir eine Industrialisierung der Geothermie?
„Deutschland ist jetzt an einen Punkt gelangt, an dem die politischen Ausbauziele so groß sind, dass wir, wenn wir das in technische Aktivitäten unter und über Tage übertragen, vom Projektmaßstab in den Industriemaßstab kommen. Dieser stellt an uns als Branche andere Anforderungen als bisher – beispielsweise wird die Modularisierung von Lieferketten notwendig werden. Im Bund sind wir mit Blick auf die Ausbauziele bei 400.000 bis 800.000 Bohrmetern pro Jahr bis 2030. In Bund und Ländern zusammengenommen liegen wir bei 10.000.000-15.000.000 Bohrmetern bis 2045 – wohlgemerkt ohne Speicher und petrothermale Geothermie bzw. enhanced geothermal systems. Das bedeutet: Wir werden nicht umhinkommen, die Branche in einem industriellen Maßstab aufzustellen. In diesem Zusammenhang erscheint es sinnvoll, Stadtwerke-Verbünde zu gründen und überregional tätige Subsurface-Betreibergesellschaften im Industriemaßstab zu gründen. Außerdem sollte in fünf bis sechs Clusterregionen außerhalb Bayerns eine wirtschaftliche, politische und technologische Zielarchitektur definiert werden, mit technischen Standardpaketen, verifizierten Geodaten und Reservoirmodellen sowie einem Investitionsleitfaden.“
Wie realistisch ist es, dass uns die Industrialisierung der Geothermie in Deutschland gelingt und was ist jetzt zu tun?
„In den kommenden fünf Jahren wird es wichtig sein, diesen Industriemaßstab vorzubereiten und Projektentwickler zu finden, die in der Lage sind, diese Ziele mit Leben zu füllen – sowohl kommunale Unternehmen als auch überregionale Unternehmen. Der Hochlauf dauert eine Weile. Bis Gelder und Investitionen fließen können, bedarf es einer Vorbereitungszeit. Wenn wir das angehen, sind die Ziele durchaus realistisch.“
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang das Geothermiebeschleunigungsgesetz und die Absicherung der Fündigkeit?
„Beide Instrumente sind wichtig. Das Geothermiebeschleunigungsgesetz setzt einen Rahmen für Investoren, die portfoliogetrieben sind, das Instrument zur Absicherung der Fündigkeit kann gerade bei kleineren kommunalen Unternehmen dazu führen, dass sie sich für Geothermie entscheiden.“
In Ihrem Vortrag ziehen Sie für Exploration und Bohrbetrieb Parallelen zur Öl- und Gasindustrie. Was können wir von der Tiefbohrbranche lernen?
„Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Öl- und Gasindustrie es in Deutschland, dem einstigen Kohleland, geschafft, eine ganz neue Branche aufzubauen. In den sechziger Jahren wurden in Deutschland zehntausende Bohrungen abgeteuft, pro Jahr schaffte man 800.000 Bohrmeter. Das entspricht in etwa dem, was wir künftig schaffen müssen, um das Ziel von 10TWh/a zu erreichen. Deswegen lohnt hier der Blick in die Vergangenheit. Damit wir unsere Ziele erreichen, müssen wir ab 2030 die Bohrkapazität skalieren, eine Flotte an Bohrgeräten aufbauen, Bohrteams trainieren und zertifizieren. Standardisierung von Komponenten, Materialien, Anlagenlayouts und eine Serienfertigung für Standardmodule werden ebenfalls erforderlich sein. Die Prozesse müssen analysiert und manuelle Schritte ganz oder teilweise automatisiert werden. In diesem Zuge sollten dann auch feste Standards mit Arbeitsanweisungen, Standardvorgehensweisen und Taktzeitmodellen eingeführt werden. Die Zulieferketten müssen hinsichtlich Qualität, Kapazität und Skalierbarkeit industrietauglich sein – hier wird es wichtig, Produktion und Lieferanten frühzeitig in das Anlagendesign einzubeziehen.“
Welche Rolle spielt dabei der hohe Bedarf an Fachkräften?
„Eine elementare. Wir werden pro Jahr mindestens 20.000 bis 30.000 Fachkräfte zusätzlich brauchen, die diese vielen Projekte umsetzen, sowohl in der Produktion als auch über Tage und unter Tage. Das bedeutet, dass wir die Curricula in den Ausbildungsstätten werden anpassen müssen – nicht nur in den Universitäten und Hochschulen, auch Berufsschulen, Handwerkskammern und Betriebe werden massiv in Weiterbildung investieren und junge Menschen adressieren müssen, schon in den Schulen. Wir werden auch deutlich über den Tellerrand ins Ausland schauen müssen.“
Sie schlagen vor, regionale Cluster zu bilden. Wie genau können wir uns diese regionale Clusterbildung vorstellen?
„Dabei geht es um Portfolio-basierte Cluster von Bohrprojekten, beispielsweise durchgeführt von Stadtwerkeverbünden, die – basierend auf einem integrierten regionalen Untergrundverständnis - serienmäßig Projekte realisieren und Übertagetechnik, aber auch Bohrcrews und Bohranlagen in Modulen denken und standardisieren. Damit könnte das jeweilige Projektrisiko für das Einzelunternehmen gemindert und Geothermieanlagen in Serien ausgerollt werden. In der Kohlenwasserstoffindustrie ist das geübte Praxis. Anders als in der Öl- und Gasindustrie sind wir allerdings häufig in urbanen, dicht besiedelten Räumen aktiv. Hier wird es wichtig sein, dass der politische Wille da ist, öffentliche Flächen als Bohrplätze auszuweisen.“
Welche Rolle spielt hier Akzeptanz?
„Eine wesentliche. Wir müssen die Bevölkerung mitnehmen – Reden hilft. Wir sollten die Bürger und Bürgerinnen auch über Risiken des Nichttuns informieren, sie aufklären, welche technischen Möglichkeiten wir lang- und mittelfristig haben, unsere Wärmeversorgung sicherzustellen. Hier müssen wir den Fokus auch auf die Generation legen, die in 20 Jahren Nutznießer dieser Entwicklungen sein wird, und nicht nur die ältere Generation ansprechen, die gegenwärtig auf Entscheiderpositionen sitzt. Damit müssen wir lange vor dem Hochfahren der industriellen Kapazitäten beginnen, damit die Bevölkerung den Hochlauf mitträgt.“
Wie wird die Fraunhofer IEG den Ausbauprozess unterstützen?
„Fraunhofer unterstützt die Versorgungsunternehmen, ihre Planungsbüros und Technologieanbieter bei der Marktbereitung. Der Name steht für Unabhängigkeit, Akzeptanz und Innovationen. Typischerweise hilft Fraunhofer der Industrie dabei technologisch vom Prototypen- auf einen Industriemaßstab zu gelangen. Mit der Bereitstellung von Prüf- und Testumgebungen, individueller Vertragsforschung und technischen Innovationen dient Fraunhofer der planenden und produzierenden Wirtschaft als Entwicklungsstätte für anwendungsreife Lösungen. Dies gilt gleichermaßen für die Schaffung von Datenräumen zur Reservoir-Bewirtschaftung, wie auch für die Untertage- und Übertagetechnik.“