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Laderello

Larderello 1904. Quelle: Leuschner.

An etlichen Stellen der Erde kommt die Natur dem Menschen, der die Erdwärme nutzen möchte, weit entgegen. Das älteste und berühmteste Beispiel sind die Thermalquellen bei Larderello in der Toskana.

Bis ins 19. Jahrhundert dienten sie lediglich der Gewinnung von Bor und anderen chemischen Substanzen, die im Thermalwasser gelöst sind. Um das für die Verdampfung des Borwassers benötigte Brennholz einzusparen, übermauerte man 1827 einen der kochendheißen Tümpel mit einer Kuppel. So entstand die erste Anlage zur energetischen Nutzung von Erdwärme: Ein natürlich beheizter Dampfdruckkessel, der nicht nur die Hitze für die Verdampfung des Borwassers lieferte, sondern nebenbei auch noch Pumpen und andere Maschinen antreiben konnte.

Der

Deutschlandfunk

schreibt 22.10.2017:

Bei Sasso Pisano liegt ein Hauch von HS in der Luft, Schwefelwasserstoff, der Geruch von faulen Eiern. Sasso Pisano ist einer der Orte, an denen man dem Vulkanismus der Toscana nahe kommt: man riecht ihn, man hört ihn, man sieht ihn. Weiße Schwaden steigen auf und verwehen im Wind, Schlamm blubbert, ein kleiner Wasserlauf siedet. Die Erde müsste dringend ein Eukalyptusbonbon lutschen - sie hat einen schlechten Atem.
 
Wenn ich jetzt den riesigen, silbernen Röhren folge, die sich wie Spinnenfinger durch das Land ziehen, stoße ich irgendwann auf den Ort Larderello - eines der größten Geothermie-Kraftwerke Europas, und das allererste weltweit. Die Riesenröhren sind Dampfpipelines, die den Atem der Erde unterirdisch auffangen und zur Zentrale leiten.
 
"Wir befinden uns hier unmittelbar außerhalb der Ortschaft Larderello, mitten in der Geothermiezone. Das ist das sogenannte Tal des Teufels, es kocht, es raucht - also dachte man früher, das Tal müsse dem Teufel gehören - samt Pforte zur Hölle."
 
Loris Martignoni ist Bürgermeister von Pomarance, zu dem auch Sasso Pisano und Larderello gehören. Loris Martignoni ist hochgewachsen, schlank und hat einen eindrucksvollen Kahlschädel. Bevor er Bürgermeister wurde, stand er 37 Jahre lang im Dienste der ENEL, des halbstaatlichen italienischen Energieriesen. Natürlich glaubt im toskanischen Teufelstal niemand mehr an den Leibhaftigen, sondern an eine geologische Extravaganz: das Magma, die flüssige Gesteinsschmelze der Tiefe, reicht hier bis dicht an die Erdoberfläche. 
 
"Larderello hat eine große Vergangenheit, hier gab es schon die Bäder der Etrusker, dann der Römer. Und im Jahr 19o4 brachte der geniale Ginori-Conti vier Glühbirnen zum Leuchten - er verwandelte geothermische Energie erst in mechanische und dann in elektrische Energie." 

Geothermie auf etruskisch  

Angefangen hat also mal wieder alles mit den alten Etruskern, die badeten nicht nur in heißen Quellen, sie fanden auch heraus, dass aus dem Untergrund Borax mit nach oben sprudelte - das fanden sie nützlich für die Glasuren ihrer Keramik. Im 19. Jahrhundert kam der französische Ingenieur François Jacques de Larderel auf die Idee, den vulkanischen Dampf für eine Art geothermische Dampfmaschine zu nutzen - Larderello ist übrigens nach de Larderel benannt. Und schließlich, 1904: die Glühbirnen des Ginori-Conti, die weltweit erste geothermische Elektrizität. Eine ureigene, italienische Ingenieursleistung. Heute wird sie im Großmaßstab genutzt.
 
"Dreißig Prozent der toskanischen Elektroenergie stammt heute aus Geothermie. Wir nähern uns gerade dem Rekord von 6 Milliarden Kilowattstunden."
 
Längst arbeitet Larderello in einem geschlossenen Kreislauf - der Dampf wird unter ungeheurem Druck auf die Turbinen geleitet, kondensiert in riesigen Kühltürmen und wird als Wasser wieder unter die Erde gepresst. Das Museo della Geotermia von Larderello macht diese Technik und die Geschichte der toskanischen Geothermie sehr anschaulich.  
 
Loris Martignoni, der Bürgermeister und Ex-Geothermiemanager ist mit mir zum Demonstrationsventil des Museums von Larderello gefahren, ein Stück oberhalb des Ortes. Ein Angestellter hat das Ventil per Fernsteuerung geöffnet. Man hört es. Und zwar noch in größerer Entfernung - das sind die Kräfte der Erde, gebändigt und in kontrollierte Bahnen gelenkt. Der toskanische Bergbau ist Geschichte, aber die Geothermie hat Zukunft.
 
"Über viele, viele Jahre hat der Bergbau Arbeit gegeben und ein Auskommen gesichert - von Populonia und Massa Marittima bis hinauf nach Montecatini. Und heute ist es mit dem Bergbau vorbei, fast alle Bergwerke sind geschlossen. Die einzige Bergbau-Aktivität, die geblieben ist - ist die Geothermie." 

Weblink

https://www.udo-leuschner.de/basiswissen/SB112-002.htm

Zuletzt bearbeitet Januar 2020